20/2017, Urbaniok F., Stürm M.: Das Zürcher «Ambulante Intensiv-Programm» (AIP) zur …

POLYLOGE
Materialien aus der Europäischen Akademie für biopsychosoziale Gesundheit
Eine Internetzeitschrift für „Integrative Therapie“


Ausgabe 20/2017

Das Zürcher «Ambulante Intensiv-Programm» (AIP) zur Behandlung von Sexual- und Gewaltstraftätern
-Teil 1: Entstehungsgeschichte und methodische Grundlagen
-Teil 2: Spezifisch deliktpräventive und therapeutische Konzeptionen


Frank Urbaniok und Matthias Stürm


Teil 1
Zusammenfassung: Entstehungsgeschichte und methodische Grundlagen

Im Zürcher PPD-Model ist durch die Eingliederung eines forensischen psychiatrisch-psychologischen Kompetenzzentrums in die organisatorischen Strukturen des Amts für Justizvollzug ein breites Spektrum an rückfallpräventiven deliktorientierten Therapien in den Justizvollzug integriert. In diesem Zusammenhang wird seit dem Jahre 2000 in der grössten Justizvollzugsanstalt der Schweiz das Zürcher "Ambulante Intensiv-Programm" durchgeführt, ein Therapieprogramm zur Deliktprävention bei Gewalt- und Sexualstraftätern, die eine hohe, in der Persönlichkeit verankerte Risikodisposition aufweisen. Das Programm ist Teil der allgemeinen Strategie des Justizvollzugs im Zürcher PPD-Modell und ausgerichtet auf eine höchstmögliche Deliktprävention. Das Programm ist in dieser Form einzigartig in der Schweiz. Bis jetzt wurden vornehmlich Wiederholungstäter in Haft behandelt. Mit Bezugnahme auf die Befunde forensischer Psychotherapie-Evaluationsstudien steht das Zürcher "Ambulante Intensiv-Programm" für einen integrativen, spezifisch rückfallpräventiven, deliktorientierten und gruppentherapeutischen Behandlungsansatz. Die zugrundeliegenden Konzepte wurden aus einer kontinuierlichen, systematischen Integration von Methoden entwickelt. Die Basis dafür bilden die erkenntnistheoretische Position des Pragmatismus und anthropologische Konzepte, welche die Diversität der Personen in Bezug auf ihre Lebensstile, Eigenverantwortung und lebenslanger Entwicklungen beachten. Das Behandlungskonzept orientiert sich strikt an den Ergebnissen therapeutischer Wirksamkeitsstudien.
Folgende Aspekte sind entscheidende konzeptionelle Elemente des Zürcher "Ambulanten Intensiv-Programms": die interdisziplinäre Zusammenarbeit im transprofessionellen Bereich des Justizvollzugs, individuelle spezifische Anpassung im Behandlungssetting im gesamten therapeutischen Prozessverlauf, die Behandlungsgruppe als das zentrale therapeutische Arbeitsfeld, eine rückfallpräventive deliktorientierte Arbeitsweise und den Einbezug ressourcenaktivierender Interventionsstrategien. Zentral ist die Orientierung und Ausrichtung der Behandlung auf höchstmögliche deliktpräventive Wirkung auf Basis einer multidimensionalen Zielmatrix, welche Grob- und Feinziele sowie kurz-, mittel- und langfristige zu erreichenden Ziele integriert.
Das in die Strukturen einer Justizvollzugsanstalt eingebettete Behandlungsprogramm kann auf Grundlage bisheriger Erfahrungen als ein zukunftsorientiertes Modell für einen rückfallpräventiv ausgerichteten, differenzierten Straf- und Maßnahmenvollzug betrachtet werden.
Die metatheoretischen Aspekte des Zürcher "Ambulanten Intensiv-Programms" werden in diesem Artikel dargestellt. Grundlegend sind unterschiedliche Risikobeurteilungen der behandelten Klienten, eine hohe und konstante Behandlungsintensität und Anforderungen an ein interdisziplinäres Behandlungsumfeld, welche sich aus der Integration eines solchen Behandlungsansatzes in die Strukturen einer geschlossenen Justizvollzugsanstalt ergeben.
Durch die gezielte Verwendung therapeutischer Ressourcen und die beständige Nutzung synergetischer Potentiale ist es auf Basis dieses Entwurfs möglich, ein qualitativ hochwertiges deliktpräventives Angebot in die Struktur des Justizvollzugs zu implementieren, das zugleich im Vergleich zu anderen stationären Behandlungsprogrammen mit ähnlicher Intensität kostengünstig ist.
In diesem Artikel werden die grundlegenden konzeptionellen Aspekte des Zürcher "Ambulanten Intensiv-Programms" dargestellt. Das spezifische rückfallpräventive deliktorientierte therapeutische Konzept wird in einem folgenden Artikel anhand von Beispielen aufgezeigt und erläutert.
 
Schlüsselwörter: "Zürcher Intensiv-Programm", Zürcher PPD-Modell, Sexualstraftäter, Gewaltstraftäter, Straftätertherapie


Part 1
Summary: Development history and methodological foundations

In the Zurich PPD model, a broad spectrum of therapy for the prevention of offences is integrated into Law Enforcement by the incorporation of a forensic psychiatric- psychological centre of competence into the organisational structures of the legal authorities. In this context, the ‘Zurich Intensive Programme’, a therapy programme for the prevention of offences by sexual and violent offenders with a high habitual risk disposition deep-seated in the personality, has been running in the largest of the Swiss penal institutions since 2000. The programme is part of the overall strategy of Law
Enforcement in the Zurich PPD model, oriented towards a maximum prevention of offences. The programme in this form is unique in Switzerland. Up to now, predominantly repeat offenders in detention have been treated.
With reference to the findings of forensic therapy evaluation studies the ‘Zurich Intensive Programme’ advocates an integrative, specifically offence-oriented and group-therapeutic treatment approach. The underlying concepts are built on a continuous systematic integration of methods based on the epistemological position of pragmatism and anthropological concepts, which take account of the variety of people’s life patterns, selfresponsibility and life-long development. The treatment concept is also strictly oriented towards the results of therapeutic efficacy research (common-factor approach).
The following aspects are essential conceptional elements of the ‘Zurich Intensive Programme’: interdisciplinary co-operation in the transprofessional sphere of the penal system, the specific variation of the treatment setting in the therapeutic course of the process, the treatment group as the central therapeutic work field, an offence-oriented mode of operation and the inclusion of resourcepromoting intervention strategies. Central to this is the orientation of treatment work directed at the maximum prevention of offences based on a multidimensional target matrix, which integrates approximate and precise objectives, and short-, mid- and long-term changes.
The treatment programme integrated into the structures of the penal institution can be regarded, based on experience to date, as a forward-looking model for a differentiation process oriented towards the consistent prevention of offences in a modern penal system. The comprehensive concept of the ‘Zurich Intensive Programme’ must take into account both the distinct structural danger of relapse of the treated detainees, the high treatment intensity to be presented in a sustained way and the interdisciplinary requirements, which result from the integration of such a treatment approach into the structures of a penal institution. By specifically employing therapeutic resources and consistently using synergetic potentials, it is possible based on this plan to implement a high-quality range of treatments, which are favourable in price in comparison with other in-patient programmes of similar intensity.
The fundamental conceptional aspects of the ‘Zurich Intensive Programme’ are presented in this article. The specific therapeutic concept for the prevention of offences, such as the interplay and importance of obligatory offence-oriented and complementary personality-focussing treatment elements, diagnostic focus, group cohesion/ relationship patterns, offence orientation, controlled testing and aftercare will be shown and explained with examples in a later study.

Keywords: ‘Zurich Intensive Programme’; Zurich PPD model; sexual offender; violent offender; offender therapy



Teil 2
Zusammenfassung: Spezifisch deliktpräventive und therapeutische Konzeptionen

Das Zürcher "Ambulante Intensiv-Programm" ist ein gruppentherapeutisch ausgerichtetes Behandlungsprogramm für Sexual- und Gewaltstraftäter, welche eine hohe, in der Persönlichkeit verankerte Risikodisposition aufweisen. Es wird in der grössten Schweizer Justizvollzugsanstalt durchgeführt und ist in dieser Form schweizweit einmalig. Das Zürcher "Ambulante Intensiv-Programm" ist Teil einer interdisziplinären Gesamtstrategie des Justizvollzugs im Zürcher PPD-Modell, welches forensische Psychiatrie und Psychotherapie strukturell integriert und den Fokus vornehmlich auf Deliktprävention richtet. Die grundlegenden methodischen und konzeptionellen Aspekte des integrativen, spezifisch rückfallpräventiven, deliktorientierten und gruppentherapeutischen Behandlungsprogramms wurden bereits in einem früheren Artikel dargestellt. Die systematische Integration von Methoden als Basis der Konzeption und Aspekte wie Interdisziplinarität, gezielte Settingvariation, Delikt- und Ressourcenorientierung sowie die Ausrichtung der Behandlung auf eine differenzierte Zielematrix wurden darin erläutert.
In diesem Artikel wird das spezifische therapeutische Konzept des Zürcher "Ambulanten Intensiv-Programm" dargestellt und anhand von Beispielen erläutert. Für den gesamten Behandlungsverlauf wurde auf ein rigides Phasenmodell des therapeutischen Prozesses zugunsten einer multidimensionalen Sichtweise verzichtet. Es wird die Notwendigkeit des Zusammenspiels deliktorientierter und persönlichkeitsfokussierter Behandlungselemente für Klienten, die eine hohe bis sehr hohe strukturelle Risikodisposition aufweisen, begründet und dargelegt.
Das therapeutische Curriculum ist hinsichtlich zeitlicher Abläufe und Art der Präsentation therapeutischer Inhalte flexibel, ohne auf klare therapeutische Rahmenbedingungen zu verzichten. Die kontinuierliche Koordination von Interventionen und kurzfristigen therapeutischen Zielen findet auf der Grundlage von transparenter und professioneller Teamarbeit statt.
Das Behandlungskonzept des Zürcher "Ambulanten Intensiv-Programm" integriert fünf therapeutische Foki, an welchen während des gesamten Behandlungsprozesses kontinuierlich gearbeitet wird:
1)    Abklärung / Diagnostik: Beginnend mit einer strukturierten, initialen Risikobeurteilung und Diagnostik werden während der gesamten Behandlung terminierte Evaluationen mit standardisierten Instrumenten zur Risikobeurteilung vorgenommen.
2)    Gruppenkohäsion / Beziehungsmuster: Die Beziehungsstruktur zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern, den Mitgliedern des Behandlungsteams und die Beziehungsmuster zwischen der Klientel und den Therapierenden werden fortwährend evaluiert.
3)    Deliktorientierung: Die systematische deliktorientierte therapeutische Arbeit verfolgt das Ziel der Deliktrekonstruktion, den Umgang mit kognitiven Verzerrungen und Fantasiekontrolle, Förderung von Empathie und Umgang mit deliktrelevanten personalen Bedingungen und Situation mit der Absicht, einen individuellen Plan für die Rückfallprophylaxe zu entwickeln.
4)    Kontrollierte Erprobung: Entwicklung rückfallpräventiver Verhaltensstrategien und deren Einübung unter verschiedenen intra- und extramuralen Umgebungsbedingungen.
5)    Nachbetreuung / Risikoeinschätzung: Strukturierte und aktiv einmischende Nachbetreuung wird bereits zu einem frühen Zeitpunkt der Behandlung geplant und beinhaltet regelmässige standardisierte Risikobeurteilungen.
Auch wenn das Konzept des Zürcher "Ambulanten Intensiv-Programm" stringent auf Deliktprävention ausgerichtet ist und den Boden für langfristige Risikomanagement-Prozesse bereitet, können Rückfälle von Klienten, welche das Behandlungsprogramm durchlaufen haben, nicht vollständig ausgeschlossen werden. Es gibt weder einen politischen Konsens noch ist es rechtlich zulässig, alle Klienten mit einem hohen Rückfallrisiko präventiv mit lebenslangen Haftstrafen zu belegen, besonders nicht, wenn sie prinzipiell therapierbar sind. Aus diesem Grund gibt es bis heute keine Alternative zu professionell entwickelten, intensiven gestalteten deliktpräventiven Behandlungen für Straftäter, welche eine relevante Rückfallgefahr und Behandlungsbedürftigkeit aufweisen.
Nichtsdestotrotz muss befürchtet werden, dass im Falle von Rückfällen, die auf lange Sicht nicht vollständig vermieden werden können, differenzierende Überlegungen auf der politischen, sozialen und medialen Ebene nur schwer bis gar nicht vermittelt werden können. Die sachliche Mitte sollte daher in besonderem Masse mit dem professionellen Diskurs verbunden sein, aber auch mit einer transparenten öffentlichkeitsbezogenen Informationspolitik.

Schlüsselwörter: "Zürcher Intensiv-Programm", Zürcher PPD-Modell, Sexualstraftäter, Gewaltstraftäter, Straftätertherapie


Part 2
Summary: Specific delict preventive and therapeutic concepts

The ‘Zurich Intensive Programme’ is a group therapeutic treatment option for sexual and violent offenders with a high habitual risk disposition deep-seated in the personality. It is conducted in the largest of the Swiss penal institutions and is in
this form a unique option in Switzerland for preventing recidivism. The ‘Zurich Intensive Programme’ is part of the interdisciplinary overall strategy, with maximum focus on the prevention of offences, of Law Enforcement in the Zurich PPD model, which structurally integrates forensic psychiatry and psychotherapy.
The fundamental methodical and conceptional aspects of integrative, specifically offence-orientated and group therapeutic treatment approaches of the ‘Zurich Intensive Programme’ were described in an earlier article. Systematic integration of methods as the basis of the concept and conceptional aspects such as, for example,  interdisciplinarity, selective setting variation, offence and resource orientation as well as the orientation of the treatment to a differentiated goal matrix were explained.
In this study, the ‘Zurich Intensive Programme’ specific therapeutic concept for the prevention of offences will be presented and explained with examples. Throughout the course of treatment, a rigid phase model of the therapeutic process has been rejected in favour of a multi-dimensional viewpoint. The necessity for the interaction of obligatory offence-oriented and complementary personality-focussing treatment elements for the treatment of clients described as having a high to very high structural risk disposition is substantiated and presented. The therapeutic curriculum is flexible with regard to the timing and the type of presentation of the topic contents, without relinquishing clear therapeutic basic conditions. The continuous flexible co-ordination of interventions and short-term therapeutic objectives takes place based on transparent and professional teamwork.
The treatment concept of the ‘Zurich Intensive Programme’ integrates five therapeutic focuses, which are continually worked on during the course of the process:
1) Clarification /diagnosis: Starting with a structured initial diagnosis, a prognosis with regular standardised risk assessments is carried out during the process.
2) Group cohesion / relationship pattern: The relationship structure between the individual group participants, the members of the treatment team and the relationship pattern between clients and therapists are continually reconsidered.
3) Offence orientation: The systematically offence-oriented therapeutic work pursues the aims of offence reconstruction, the handling of cognitive distortions, fantasy control, the promotion of empathy, offence coping and creating with the purpose of an individual plan for the prevention of relapse.
4) Controlled testing: Behaviour to prevent offence is practised in a specific way and tested under various intra- and extramural environmental conditions.
5) Aftercare/risk assessment: Structured and demanding aftercare is planned at an early stage and includes regular standardised risk checks.
Even if the concept of the ‘Zurich Intensive Programme’ is oriented towards achieving the highest measure of risk reduction and prepares the ground for long-term risk management processes, relapses of clients who have undergone therapy cannot be completely excluded. However, neither there is a sociopolitical consensus nor is it legally practicable to apply to all clients at high risk of relapse lifelong preventive detention, especially when they are in principle approachable by therapy. For this reason, there is at present no recognisable alternative to professionally developed, intensive offence-preventive options for offenders who are in relevant danger of relapse nd requiring treatment.
Nonetheless it is to be feared that in the case of relapses which cannot be totally avoided in the long run, differentiating considerations can only be conveyed politically, socially and by the media with difficulty or not at all. Central significance is therefore attached in a special way to professional discussion, but also to a transparent public information policy.

Keywords: ‘Zurich Intensive Programme’; Zurich PPD model; sexual offenders; violent ffenders; offender therapy



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